Arheilger Identitäten: Von den „Ganzheiligen“ zu den „Muckern“  

Im Rahmen der ersten Jahreshauptversammlung des Arheilger Geschichtsvereins am 11. Juni 2008 sprach der Arheilger Dr. Helmut Castritius, zuletzt Geschichtsprofessor an der TU Braunschweig, unter dem Motto „Wer das Eigene nicht kennt und pflegt, wird das Fremde nicht verstehen“ über einige Besonderheiten der Geschichte Arheilgens:

1. Im Zusammenhang des 2011 bevorstehenden Ortsjubiläums (1175 Jahre) über die urkundliche Ersterwähnung des Ortes (häufig verwechselt mit dem Gründungsdatum)

2. Zur Sinndeutung des Ortsnamens mit den daraus sich ergebenden Erkenntnismöglichkeiten für das Alter des Ortes und

3. Zur Herkunft und Bedeutung des Spottnamens „Mucker“ für die Arheilger. 

 1. In einem Zinsregister der Abtei Seligenstadt wird Arheilgen in der Form „Araheiligon“ erstmals erwähnt. Die Niederschrift dieses Registers gehört in das späte 10. oder das beginnende 11. Jahrhundert, damals hat der Ort also bereits bestanden. Wie alt er wirklich ist, ist daraus nicht zu entnehmen. Der Versuch, das Zinsregister in die Jahre um 836 (Klostergründung Seligenstadts) zu datieren, ist von Stadtarchivar Dr. Engels stringent widerlegt worden.

Fazit: Für 836 ist die Ersterwähnung nicht gesichert, aber um 1000 hat Arheilgen jedenfalls existiert.

2. Es herrscht mittlerweile in der Forschung Konsens darüber, dass es sich bei Arheilgen/Araheiligon um einen zweigliedrigen Ortsnamen handelt, dessen Struktur gegenüber den gängigen Ortsnamen jedoch völlig herausfällt. Üblicherweise sind die Ortsnamen aus einem Personennamen (Erstglied) und mit –bach,-hofen,-hausen,-stadt/stett/stetten usw.  oder mit –ingen (vgl. Bessungen, Sprendlingen, usw.) im Zweitglied gebildet. So entstand etwa Darmstadt aus Dar(i)mundes-stat, d.h. die „Stätte des Darimund“, und Sigmaringen bedeutet „bei den Leuten des Sigmar“ (vgl. auch Bessungen, Sprendlingen und weitere –ingen-Orte). Völkisch-nationalistischen Anschauungen verpflichtet meinte man vor allem in der Nazi-Zeit, alle Ortsnamen müssten aus dem Germanischen abgeleitet werden, und leitete Araheiligon von einem angeblichen Personennamen Araheil ab, der jedoch trotz einer großen Fülle überlieferter germanischen Personennamen nirgends belegt ist (Araheil ist ein reines Konstrukt, das aber leider immer einmal wieder von völlig unverdächtigen Personen als Grundlage des Ortsnamens verkündet wird.). Richtig ist hingegen – und langsam zeichnet sich hier ein Konsens ab -, dass das Zweitglied –heiligon (ein Dativ Plural) nichts anderes bedeutet als wir heute noch zu verstehen meinen: „bei den Heiligen“. Das Erstglied Ar(a)- macht hingegen mehr Schwierigkeiten, mit Aar (Adler) kann es aus verschiedenen Gründen nichts zu tun haben, andere jüngst angestellte Überlegungen lassen sich aus Gründen der sprachlichen Entwicklung vom Germanischen zum Althochdeutschen ebenfalls nicht halten. Es bleibt der Vorschlag, das Ar- des Erstglieds im Ortsnamen durch einen sprachlichen Prozess, den man Entähnlichung nennt, zu erklären: Dadurch wäre aus al- (ala-) ar- geworden und hätte in Verbindung mit „heilig“ die Bedeutung „bei den Ganzheiligen“. Ausgangspunkt und Grundlage einer solchen Benennung wäre dann die Stätte eines besonders heiligen Geschehens, der man bei der Ortsgründung Rechnung getragen hätte.

Das „heilig“ im Zweitglied des Ortsnamens enthält allerdings einen Hinweis auf die Zeit der Entstehung des Ortsnamens Arheilgen. „heilig, heilag“ war ein klassisches Wort der angelsächsischen Mission und verdrängte erst im Laufe des 7. bzw. 8. Jahrhunderts das althochdeutsche „wih“, das uns heute noch in Weihnachten = “Heilige Nacht“, in Weihrauch und in Ortsnamen wie Weihenstephan begegnet. Das Kilianspatrozinium - Kilian war ein angelsächsischer Missionar des frühen 7. Jahrhunderts - der Arheilger Kirche könnte die Erinnerung daran festgehalten haben.

Fazit: Gründung und Namengebung von Arheilgen hängen mit dem Erfolg der angelsächsischen Mission und einem damit verbundenem wichtigen Ereignis zusammen, über das keine Überlieferung mehr vorhanden ist. Um das Jahr 1000 erstmals erwähnt, verweist die Namengebung auf eine Gründung im 7., eher im 8. Jahrhundert zurück, wird es doch einige Zeit gedauert haben, bis sich „heilig“ gegenüber „wih“ im Althochdeutschen durchsetzte.

3. Über „Mucker“ als Spottname oder Unname der Arheilger hat Wilhelm Andres in“ Alt-Arheilgen“ 1978 Schönes und Richtiges geschrieben. Ihn interessierte allerdings wohl nicht, welche weltweite kirchliche Gemeinschaft sich in diesem Begriff widerspiegelt. Es handelt sich nämlich ursprünglich um eine Fremdbezeichnung seitens der Nachbarn der „Oarhelljer“, die sich die so Benannten mittlerweile längst selbst angeeignet haben (vgl. „Muckercards“, „Mucker-Haus“, „Muckerbar“). Der Spottname wurde damit ein wichtiger Teil der Arheilger Identität, wie wir das ja auch bei den Darmstädter „Heinern“ und den Bessunger „Lapping“ kennen.

Man glaubt auch, das Wort zu verstehen, indem man an umgangssprachlich „aufmucken“ denkt. Der Sinn ist aber ein ganz anderer. Der Begriff „Mucker“ gehört in ein ganz spezifisches historisch-religiöses Umfeld, was sich exakt nachweisen lässt.
Mucker ist nämlich seit der Zeit um 1700 als studentisches Sprichwort für die Pietisten besonders in Halle im Sinne von Frömmler, Duckmäuser, Griesgram, bigotte Menschen nachgewiesen und wanderte von da zu den Anhängern der letzten großen evangelischen Massenbewegung, die Erweckung genannt wurde und die sich zu einer weltweiten Bewegung – Awakening, Revival, Réveil – vor allem im 19. Jahrhundert auswuchs. Den „Erweckten“ ging es um die Wiederbelebung des alten pietistischen Frömmigkeitsideals, um die Rückkehr zu einem nicht den Verstand, sondern Gefühl und Seele ansprechenden strikten und einfachen Bibelglauben. Die „Erweckung“ verstand sich als Reaktion und Abkehr von Aufklärung und sog. theologisch-kirchlichen Rationalismus, der – auf den Punkt gebracht – Glaube und verstand in Einklang bringen, versöhnen wollte. Mit diesem neuen, man könnte auch sagen rückwärtsgewandten theologischen Ansatz kamen die Arheilger 1848/49 durch den Pfarrvikar Otto Kleeberger in Berührung, dessen Bemühungen in kürzester Zeit unter dem Arheilger Kirchenvolk einen durchschlagenden Erfolg zeitigte. Als Kleeberger abgelöst werden sollte, demonstrierte 1850 fast die gesamte Dorfbevölkerung vor dem Residenzschloß in Darmstadt und erreichte immerhin, dass dem Ortspfarrer Krauß regelmäßig ein Pfarrvikar gleicher Ausrichtung an die Seite gestellt wurde. Für die Bevölkerung der Nachbarorte blieb diese religiöse Einkehr der Arheilger, die uns in sehr lebendigen Stimmungsbildern aus dieser Zeit geschildert wird und die zudem eine Reihe segensreicher Einrichtungen hervorbrachte, recht unverständlich. Ihre Reaktion brachte sie mit dem negativ imprägnierten Spottwort „Mucker“ auf den Punkt, konnte aber nicht verhindern, dass die sich Arheilger diese Bezeichnung selbst zu eigen und zu einem wesentlichen Teil ihrer Identität machten.

Fazit: Mucker wurde aus einer pejorativ gemeinten Fremdbezeichnung zu einer positiv aufgeladenen Selbstbezeichnung mit Fernwirkung bis auf den heutigen Tag.