Willkommen beim Arheilger Geschichtsverein e.V.

Auszug Gebäude, Orte und Ereignisse in Arheilgen

  • Fundsachen des Arheilger Geschichtsvereins

    100 Jahre Naturschwimmbad „Oarhelljer Miehlsche“

    Wenn der Förderverein Arheilger Mühlchen  in wenigen Tagen (12.05) zum Anschwimmen in den Naturbadesee einlädt, beginnt im „Miehlsche“ – wie die „Oalde“- sagten, in diesem Jahr die 100ste Badesaison. Auf den 27. März 1924 ist der erste Pachtvertrag für das Naturschwimmbad datiert. Am 3. August 1924 wurde es feierlich eingeweiht. Der Förderverein wird das Jubiläum am 14.Juli mit einem Sommerfest feiern. Mit der Frage, warum der Arheilger Gemeinderat ausgerechnet in den Krisenjahren 1923/24 ein Schwimmbad eröffnet hatte, beschäftigt sich Jürgen Hein-Benz vom Arheilger Geschichtsverein:

    Das „Mühlchen“ als Symbol des Aufbruchs

    Der Heimatdichter Georg Benz nennt in seiner mundartlichen Beschreibung eines Rundgangs durch Arheilgen – „Oald Oarhellje 1920-1925“ – zwei Personen, die im Vorfeld der Entstehung des Naturschwimmbades „Oarhelljer Miehlsche“ vor 100 Jahren eine besondere Rolle spielten: „Haubttriebfedern woorn domols de Filibb Jung un de Emil Schäfer“.

    Der Sohn des ersten Bademeisters des „Miehlsche“, der wie sein Vater Wilhelm Brücher hieß, erinnerte sich im Juni 1999 in der Arheilger Post anlässlich des 75jährigen Gründungsjubiläums an die Anfänge des Badesees. Sein Vater hatte in Familiengesprächen erzählt: „Bei einer Stammtischrunde beim Schwanenwirt Emil Schäfer wurde die Idee geboren, aus dem Teich am Arheilger Mühlchen ein Schwimmbad zu machen.“

    Wann die Idee genau entstand, ist nicht bekannt, vermutlich Anfang der 20iger Jahre des letzten Jahrhunderts. Wer an der Stammtischrunde teilnahm ebenfalls nicht. Um die Jahreswende 1923/1924 fiel die Idee aber beim sozialdemokratischen Bürgermeister Jakob Jung und dem 18köpfigen Gemeinderat – darunter 11 Sozialdemokraten, ein Kommunist und sechs Vertreter der bürgerlich-bäuerlichen Liste – in dem damals noch selbstständigen Industriearbeiterdorf Arheilgen auf fruchtbaren Boden.  

    Pachtvertrag mit Bernhard Appel von der Schleifmühle

    Wann der Gemeinderat den Bau des Schwimmbades beschloss, wissen wir ebenfalls nicht. Doch am 27.03.1924 wurde der erste Pachtvertrag mit Bernhard Appel, dem Besitzer der „Appelswies“, geschlossen. Das Grundstück des Arheilger Teichs war damals eher eine tieferliegende nasse Wiese. Bernhard Appel war Bauer und Müller auf der benachbarten Schleifmühle. Über die bürgerlich-bäuerliche Wahlliste nachgerückt in den Arheilger Gemeinderat wurde er im Juli 1924 vom Kreisamt Darmstadt auch zum Bürgermeister des unbesetzten Teils der Gemeinde Arheilgen benannt.

    Was war der Antrieb für das Vorhaben ausgerechnet in den krisengeschüttelten Zeiten 1923/1924 ein Schwimmbad zu bauen? Damals war ein kommunales Schwimmbad noch lange keine Selbstverständlichkeit. Was bewegte die Verantwortlichen dazu? Warum wurde in Arheilgen noch ein Bürgermeister für ein unbesetztes Gebiet benannt, wo doch Jakob Jung mit großer Mehrheit der Bevölkerung schon im November 1919 gewählt worden war?

    Krisenjahr 1923: Besatzung, Hyperinflation und Existenzangst

    Seit Ende Dezember 1919 war der größte Teil Arheilgens – wie das Rheinland – von französischen Truppen nach der Waffenstillstandsvereinbarung am Ende des 1. Weltkrieges und dann dem Versailler Vertrag besetzt. Offiziell galt dies Besetzung noch bis 1930. Die Grenze im Osten zum unbesetzten Arheilgen verlief vor Alt-Kranichstein auf Höhe der Jägertorstraße 40 und im Süden an der Darmstädter Straße, heute Frankfurter Straße, ungefähr auf Höhe des Gehmer Wegs, so Wilhelm Andres in seiner Geschichte Arheilgens.

    Wer die Grenze passierte, musste sich an Kontrollstellen ausweisen, Soldaten patrouillierten. Die Grenzkontrollen wurden 1923 wieder verschärft. Die französische Armee besetzte wegen ausstehender Reparationsleistungen nicht nur das Ruhrgebiet, sondern auch das Eisenbahnausbesserungswerk im Norden Darmstadts. Auf der „Knell“ arbeiteten viele Arheilger. Der Grenzverkehr zwischen besetztem und unbesetztem Gebiet war ab Juli 1923 für drei Monate selbst für Fußgänger verboten. Lohnzahlungen mussten in das besetzte Gebiet geschmuggelt werden.

    Ausgelöst durch die Kriegswirtschaft und die Reparationsleistungen galoppierte in Deutschland eine Hyperinflation.  Kostete im Mai 1923 ein Kilo Brot noch 500 Mark, so waren es im November 5 Milliarden. Der Arheilger Gemeinderat handelte mit den örtlichen Landwirten Preise für Lebensmittel aus, um diese besonders für diejenigen bezahlbar zu machen, die kein Gartenland hatten. Energie, vor allem Kohlen waren knapp. Die Arbeitslosigkeit stieg, ebenso die Zahl der Familien, die auf Zahlungen des Gemeindewohlfahrtsamtes angewiesen waren. Durch die Einführung der Rentenmark am 15. November – 1 Rentenmark gab es für 1 Billion Reichsmark (=10 Milliarden) – beruhigte sich die Lage. Kleine Spargroschen hatten sich allerdings völlig aufgelöst.

    Krisenjahr 1923: Separatistenaufstand und Hitlerputsch

    Im November putschten Hitler und Ludendorff in München gegen die Republik. Im Rheinland traten unter dem Schutz der Besatzungsmacht schon seit Oktober 1923 Separatisten auf, die die Loslösung des Rheinlandes von Deutschland in Form einer Rheinischen Republik forderten. So wäre ein Pufferstaat zwischen Frankreich und der Weimarer Republik entstanden. Diese Bewegung trieb auch im besetzten Arheilgen ihr Unwesen. Hier traf sie auf den entschiedenen Widerstand der großen Mehrheit der Bevölkerung, die von einer Loslösung nichts wissen wollten. Daraufhin wurden 28 Arheilger, unter ihnen Bürgermeister Jung, Gemeinderäte, Feuerwehrleute, Eisenbahner, Landwirte und der Pfarrer Karl Grein von Ende Oktober bis Anfang Dezember von der französischen Militärverwaltung in Wiesbaden inhaftiert. Weitere Arheilger, die auf einer schwarzen Liste der französischen Militärverwaltung und der deutschen Separatisten standen, verbargen sich im unbesetzten Gebiet.  

    Nach der Freilassung der Inhaftierten erklärte der Arheilger Gemeinderat in seiner Sitzung am 6. Januar 1924 unmissverständlich, dass die Gemeinde Arheilgen „fest zum hessischen Staate und zum deutschen Reiche stehe“ und sie auf Grundlage des deutschen Rechts die einzig zustehende Ortsbehörde sei.

    Ausgerechnet in dieser krisengeschüttelten Zeit entschloss sich der Gemeinderat zum Bau eines Schwimmbades. Der Beschluss kann als ein mutiges politisches Signal der Gemeinderepräsentanten gewertet werden: Arheilgen gehört zusammen. Allen Widrigkeiten zum Trotz beschließen wir im Rathaus – innerhalb des besetzten Gebietes – ein zukunftsweisendes Projekt, das außerhalb des besetzten Gemeindegebietes verwirklicht wird. Doch konnten die Gemeindeverantwortlichen mit der Unterstützung aus der Bevölkerung rechnen? Die Gemeindefinanzen waren arg strapaziert und die Menschen mit Existenzängsten und Alltagsnöten belastet? 

    „Mit uns zieht die neue Zeit“

    Nach dem Heimatdichter Georg Benz war neben Emil Schäfer „de Filibb Jung“ eine treibende Kraft für das Naturschwimmbad. Jakob Jung hatte zwei Söhne, sie hießen Ludwig und Phillip. Es kann gut sein, dass Wilhelm Andres den 1893 geborenen Sohn Phillipp, den späteren Regierungs-Bauamtmann, meinte. Wie sein Bruder war er in der Arbeiter-Jugend und dem Arbeitersportverein, den Freien Turnern, aktiv. Diese Generation der organisierten Arbeiterjugend war davon überzeugt, dass sie nach den Schrecken des 1.Weltkrieges aus „Naturnotwendigkeit“ heraus in eine neue und gerechtere Welt hineinwachsen wird. Die Republik war für sie ein erster Schritt. Kräftig sangen sie in ihren Gruppenabenden und auf Arbeiterjugendtagen „Mit uns zieht die neue Zeit“.

    Der Einsatz für konkrete Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen einerseits und das solidarische Gruppenerlebnis mit Bildung, Tanz und Körperertüchtigung andererseits waren Ausdruck ihres neuen Lebensgefühls. Der Entschluss, ein Schwimmbad zu bauen, war somit zugleich ein konkretes Versprechen an die wachsende Zahl der Arbeiterjugendlichen und ihrer Familien für ein besseres und gesünderes Leben. Wie in Darmstadt, der alten Residenzstadt und neuen Hauptstadt des Volksstaates Hessen sollten sich die einfachen Leute im Industriearbeiterdorf in einem Woog erfreuen und ertüchtigen können.  Die Arheilger Jugend erhielt einen Anlaufpunkt und die Sportvereine, die auch Schwimmabteilungen hatten, erhielten ein Trainings- und Wettkampfbad. So wurde das Schwimmbad zum Symbol für den Aufbruch in eine neue Zeit.

    Und in der Tat stieß das Vorhaben in Arheilgen auf große Zustimmung. Die Vereine, insbesondere die Sportvereine, sammelten Geld um die Gemeinde bei den Baukosten zu unterstützen. Georg Benz schrieb: “Uffgrund von Sammelliste howe domols, im Juli 1924, die Oarhelljer Vereine 684,90 Mark gesammelt.“

    Mit Schaufel und Spitzhacke

    Mit Schaufel, Spitzhacke und Spaten wurden Teich und Wiese hinter der Gaststätte Arheilger Mühlchen tiefer gelegt und um die Tongruben der Ziegelei Wiemer erweitert. Aus dem Abraum ein Damm – der heutige Brücher Weg – aufgeschüttet, zwei Holzhütten als Umkleidekabinen und ein Kassenhäuschen errichtet, zur Kennzeichnung von Schwimmbahnen Stege in den Teich hinein- und ein Sprungturm aufgebaut. Das Wasser wurde vom Ruthsenbach hinter der Schleifmühle in einem offenen Graben abgeleitet. Arbeitslose Arheilger fanden auf der Baustelle Arbeit und so konnte das Bad bis Mitte des Sommers 1924 fertig gestellt werden.

    Die Eröffnung war ursprünglich für den 27. Juli geplant. Sie wurde dann wegen schlechten Wetters auf den 3. August 1924 verschoben. Ein Festausschuss gestaltete mit Arheilger Schulkindern, Gesangs- und Sportvereinen, der Kapelle Anthes und dem Posaunenchor ein Programm aus Vorführungen, Gesangsvorträgen und Wettkämpfen. Am frühen Nachmittag übergab Bürgermeister Jakob Jung das Bad offiziell an die Arheilger Bevölkerung, die zu tausenden gekommen waren. Jakob Jung wünschte seiner Gemeinde „dass durch das Schwimmbad für die gegenwärtige und kommende Generation der Grundstein zur Ertüchtigung“ gelegt werde und insbesondere mit „der Jugend ein gesundes Geschlecht heranwachsen möge.“ So zitierte 1999 das Darmstädter Echo das zeitgenössische „Darmstädter Tagblatt“, das über die Eröffnung berichtet hatte.  

    Eine Zukunft, die nicht kam

    Das Bad wurde in der Tradition wilhelminischer Bäder-Architektur ausgebaut. Die Schwimmer und Wasserballer des „Turnverein 1876“ und der „Freien Turner“ fanden im Mühlchen ihre Trainings- und Wettkampfstätte.  Die Arheilger zogen zum Mühlchen zur Entspannung und zum gerechten Ausgleich vom Arbeitsalltag. Das „Miehlsche“ war Treffpunkt und Freiraum, über den der Bademeister Brücher wachte: „Dene Kloane soll nix bassiern“, lautete sein.  

    Somit war das Naturschwimmbad sogar mehr als ein Symbol für den Aufbruch. Viele Arheilger empfanden es als gelebte Wirklichkeit einer neuen Zeit. Spätestens ab 1933 sollte diese „neue Zeit“ allerdings dann völlig anders kommen, als von Phillip Jung und dem Arheilger Gemeinderat nach den Anfangsjahren der Weimarer Republik erhofft.  

    P.S.: Demnächst erscheint in der Reihe „Oarhelljer Köpp“ ein Beitrag über den Bademeister Wilhelm Brücher. In Vorbereitung des Fördervereins ist ein Buch über die Geschichte des Mühlchens.

    Bild 1: Familie Jung mit Phillip
    (Foto: AGV) – Familie Jung aufgenommen zur silbernen Hochzeit 1917. V.l.n.r.: Ludwig Jung – ab 1932 promovierter Volkswirt, Philipp Jung – späterer Regierungsbauamtmann, Katharina Jung, geb. Weis, Gemeinderat Jakob Jung, gelernter Schlosser und Bürgermeister Arheilgens von 1919 bis 1933.
    Bild 2: Phillip Jung 1915 (Soldat)
    (Foto: AGV) – Der 22jährige Phillip Jung 1915 als Soldat. Nach den Grausamkeiten des ersten Weltkriegs verstand sich die Arbeiterjugend als Bauvolk der kommenden Zeit.  
    Bild 3: Mühlchen 1924 HWD (Ansprache Jakob Jung):
    (Foto: AGV) – Bürgermeister Jakob Jung bei der Festansprache zur Eröffnung des Arheilger Mühlchens am 3. August 1924
    Bild 4: Schwimmbad Arheilgen-HWD (Ansicht Mühlchen mit Boot)
    (Foto: AGV) – Blick auf das Mühlchen in der Gründungszeit
    Bild 5: Schwimmer Freie Turner 1930
    (Foto: AGV) Schwimmer des Arbeiter Turn- und Sportvereins im Jahr 1930. V.l.n.r.: Heinrich Repp, Georg Lutz, Wilhelm Brücher, Greta Spengler, Heinrich Lennert, Georg Mampel, Elisabeth Spengler, Ludwig Beisel, das Kind Änne Weigand, davor Franz Janda und Alfred Müller
  • „Oarhelljer Köpp“ Die Georg Mampels – Leben für Demokratie und Gerechtigkeit – Folge 4

    Der Arheilger Geschichtsverein stellt in dieser Rubrik Menschen vor, die das Leben im Ort am Ruthsenbach prägten, den Alltag in besonderer Weise repräsentierten oder Leistungen erbrachten, die sie über die Ortsgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. In einer kleinen Serie mit vier Folgen berichten wir nun über vier Mitglieder der Familie Mampel, die von Mitte des 19. bis Ende des 20.Jahrhunderts in Arheilgen lebten. Alle vier trugen den Namen Georg Mampel.

    Georg Mampel – Wer ist wer?

    Früher wurde in Arheilger Familien nur eine kleine Anzahl von Vornamen vergeben. Um die oft gleichnamigen Familienangehörigen besser unterscheiden zu können, erhielten sie alle noch eine römische Zahl. Manchmal wurde diese Nummerierung auch nachträglich von Familienforschern vergeben, so dass wie bei unseren Georgs ein Nummernsalat entstand. Deshalb erhielten unsere Georgs nachträglich noch „Spitznamen“, so wie es in Arheilgen früher ebenfalls weit verbreitet war.

    Georg Mampel IVa, geb. 31.03.1853 – gest. 23.04.1922, gelernter Eisendreher. Er ist ein „Pionier“ der Arheilger Arbeiterbewegung und Vater des Netzwerkers.

    Georg Mampel IV, geb. 21.02.1881 – gest. 19.01.1973, gelernter Schlosser. Er ist der „Netzwerker“ der Arbeiterorganisationen, Vater des Chronisten und ein Onkel des Schaffers.

    Georg Mampel I, geb. 22.07.1911 – gest. 29.06.1991, gelernter Glaser. Er ist der „Schaffer“, der immer hilft und anpackt und ein Cousin unseres Chronisten.

    Georg Mampel II, geb. 6.02.1912 – gest. 23.04.1992, gelernter Kaufmann. Er ist unser „Chronist“, der akribisch die Familienchronik der Mampels und die Geschichte der örtlichen SPD aufschrieb.

    (jhb) Georg Mampel II, der Chronist, war sein Leben lang in den Organisationen der Arheilger Arbeiterbewegung aktiv. 1986 veröffentlichte die Arheilger SPD die von ihm erforschte Geschichte unter dem Titel „100 Jahre Sozialdemokratie in Arheilgen“. Die Geschichte der organisierten Sozialdemokratie reicht in Arheilgen bis in das Jahr 1878 zurück. Seit 1903 gibt es hier die Partei unter dem Namen SPD. Die Geschichte der Familie Mampel ist sehr eng mit den ersten hundert Jahren der Geschichte der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung verbunden. Bei jedem wichtigen Meilenstein war immer ein Mampel dabei. Und meistens hieß er Georg.

    Folge 4 und Ende: Wiederaufbau und demokratische Neuordnung  

    Das politische und gesellschaftliche Leben entsteht

    Unser Schaffer Georg Mampel I arbeitete nach dem Krieg zuerst in seinem gelernten Beruf als Glasermeister in einem Darmstädter Betrieb. Danach wurde er Hausmeister in städtischen Schulen u.a. in der Arheilger Brüder-Grimm-Schule und bis zur Pensionierung an der Wilhelm-Busch-Schule. „Er war immer ein freundlicher und den Schülern zugewandter Mensch,“ erinnert sich der später Oberbürgermeister Peter Benz.

    Nach der Befreiung vom Faschismus – am 25.März waren amerikanische Truppen in Arheilgen eingerückt – beteiligte er sich sofort am Wiederaufbau des politischen, gewerkschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens in Arheilgen. Er nahm an der Neugründung der SPD im Sommer 1945 teil und führte ab 1946 über 30 Jahre deren Kassengeschäfte.  Ebenso war er 1945 an der Wiedergründung der Arbeiterwohlfahrt beteiligt und Gründungs- und Vorstandsmitglied der Sportgemeinschaft Arheilgen (SGA), in der sich die ehemals fünf selbständigen Sportvereine des Ortes zusammenschlossen.

    Da Arheilgen 1937 nach Darmstadt eingemeindet worden war, waren auch die Arheilger am 26. Mai 1946 aufgerufen, an der ersten demokratischen Wahl zur Darmstädter Stadtverordnetenversammlung nach dem Krieg teilzunehmen. Mit einem Stimmenergebnis von fast 56 Prozent entsandten die Arheilger zwei Stadtverordnete in die Stadtverordnetenversammlung.  Von 1956 bis 1964 vertrat auch Georg Mampel I seinen Stadtteil im Kommunalparlament.

    Erziehung zur Demokratie

    Der Netzwerker Georg Mampel IV war am Ende der Nazi-Zeit 64 Jahre alt. Bis zur seiner Pensionierung 1944 arbeitete er als Schlosser bei der Herdfabrik Gebrüder Roeder AG in Darmstadt. Diese stellte kriegswichtige Ausrüstung her. Nach dem Krieg wirkte er an der Wiedergründung der SPD, des Gesangsvereins „Treue“ und der Metallgewerkschaft mit.

    Für die Kinder engagierte er sich in der Nachkriegszeit ganz besonders. So beteiligte er sich an den Kindererholungsfreizeiten der Arbeiterwohlfahrt, zuerst am Arheilger Mühlchen, später im AWO-Kinderheim „Kinderglück“ in Eberstadt.

    Nachdem sein Sohn Georg Mampel II, unser Chronist, 1948 aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war, gründete dieser mit weiteren Helfern aus der früheren SAJ und den Kinderfreunden – unter anderem der späteren SPD-Stadtverordneten Käthe Langendorf (geb. Büttner) – die erste Kindergruppe der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken. Die Falken veranstalteten später sogar internationale Zeltlager auf ihrem Zeltplatz an der Dianaburg. Die nachwachsende Generation sollte zu Demokratie, grenzüberschreitende Freundschaft und Solidarität erzogen werden. Im später errichteten Falkenheim in der Fuchsstraße hat das „Rotzfreche Spielmobil“ der Falken noch immer seine Geschäftsstelle.

    Baugenossenschaft Arheilgen – Parteiübergreifende Zusammenarbeit

    Arheilgen hatte 1949 rund 11.000 Einwohner. Obwohl die Siedlungen in Arheilgen weitgehend von Bombenangriffen verschont blieben, herrschte Wohnungsnot. Deshalb wurde auf Initiative von Arheilger Sozialdemokraten, vor allem dem Vorsitzenden Fritz Wernath, 1949 die Gemeinnützige Baugenossenschaft Arheilgen gegründet.

    Der Schaffer Georg Mampel I gehörte ab 1952 für 20 Jahre dem Aufsichtsrat dieser Genossenschaft an. Durch ihre Bautätigkeit erhielten viele Familien ein neues Dach über den Kopf. Den Vorstand der Genossenschaft bildeten Mitglieder aus SPD, CDU und Gewerkschaften. Langjähriger Architekt war Phillip Benz. Als überzeugter Kommunist saß er unter den Nazis zeitweise im KZ Osthofen ein und blieb seiner Überzeugung bis zum Lebensende treu. Dies war aber kein Hindernis für eine sachdienliche parteiübergreifende Zusammenarbeit für Demokratie und sozialen Fortschritt.

    Aktive Gewerkschafter und Kommunalpolitiker

    Als Georg Mampel II 1948 krank aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück nach Arheilgen kam, konnte er aus betrieblichen Gründen nicht von seinem alten Betrieb übernommen werden. Nach Jahren der Arbeitslosigkeit, dem Arbeitsvermittlungsverbot unter den Nazis und kurzer Selbstständigkeit hatte der begeisterte Stenograf 1936 nach vielen Widerständen beim Winkler-Verlag, der Publikationen für Kurzschrift und Maschineschreiben herausgab, eine Anstellung gefunden. Nun fand er im Juni 1948 eine Anstellung bei der DEGUSSA in Frankfurt und organisierte sich in der IG Chemie, Papier, Keramik. Jahrzehntelang arbeitete bis zur Rente 1977 als gewerkschaftlicher Vertrauensmann, zuletzt auch als Betriebsrat. Von 1960 bis 1972 engagierte es sich im Angestelltenausschuss seiner Gewerkschaft.

    Von Ende der 40iger Jahre bis Mitte der 60iger Jahre gehörten Georg Mampel I und Georg Mampel II gemeinsam mit dem IG Metallsekretär Fritz Wernath zu den prägenden Sozialdemokraten in Arheilgen. 

    Die lokalen Interessen vertraten sie auch in den Darmstädter Parteigremien, Georg Mampel I und Fritz Wernath wirkten zudem als Stadtverordnete. Fritz Wernath war sogar von 1956-1964 Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung. Und sie blieben mit ihren Arheilgern im Gespräch. Beim großen Waldfest, das die Nachkriegs-SPD an der Dianaburg oder dem George-Brünnchen mit der Bevölkerung jährlich zu Pfingsten feierte, war insbesondere auf den Schaffer Georg Mampel verlass.

    Auch Georg Mampel II war immer kommunalpolitisch aktiv, ohne ein politisches Mandat zu haben. „Akribisch arbeitete er die Wahlergebnisse auf, analysierte Stärken und Schwächen der Wahlkämpfe und sorgte für regelmäßige Information der Bevölkerung in wahlkampffreien Zeiten“, erinnert sich der spätere Oberbürgermeister Peter Benz.

    „Ehret die gute Tat“

    Anlässlich Fritz Wernaths 65. Geburtstages riefen die Arheilger SPD, das Ortskartell der Gewerkschaften und die Arbeiterwohlfahrt unter kräftiger Mitwirkung der Mampel-Cousins die Fritz Wernath-Stiftung ins Leben. Sie stand unter dem Motto „Ehret die gute Tat“. Die Stiftung ehrte über viele Jahre Arheilger oder Arheilgerinnen oder eine ganze Gruppe des Stadtteils, die eine gute Tat vollbracht hatten.

    Auch die Mampels wurden für ihre guten Taten geehrt – von den Organisationen, in denen sie ehrenamtlich aktiv waren, von der Stadt Darmstadt, dem Land Hessen und der Bundesrepublik Deutschland. So erhielt unser Netzwerker Georg Mampel IV 1961 die Ehrenurkunde der Stadt Darmstadt für verdiente Bürger, unser Schaffer Georg Mampel I und unser Chronist Georg Mampel II erhielten diese 1977, beide empfingen Ende der 70iger den Ehrenbrief des Landes Hessen und 1983 wurde Georg Mampel II mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Bis ins hohe Alter – so Peter Benz – habe der Familien- und Parteichronist Georg Mampel gemahnt: „Demokratie ist nicht selbstverständlich. Ihr müsst schwätzen mit die Leut.“

    Bild 1  – Bürgerehrung -BU:
    (W. Kumpf/AGV) 1977 erhielten Georg Mampel I, unser „Schaffer“ (2.v.l.), und Georg Mampel II, unser Chronist (1.v.l.), die Ehrenurkunde der Stadt Darmstadt für verdiente Bürger. Oberbürgermeister H.W. Sabais (vorne rechts) überreichte die Urkunde.
    Bild 2 – Kinderfreizeit -BU:
    (AGV) Unser Netzwerker Georg Mampel IV setzt sich auch noch als Rentner nach der Befreiung vom Faschismus für das Wohlergehen und die Rechte der Kinder ein. Getreu eines Liedes der Falken sollten sie das „Bauvolk“ einer gerechteren und demokratischen Welt werden. Hier ist er auf einer Kinderfreizeit der Arbeiterwohlfahrt zu sehen.
    Bild 3 – Fritz Wernath- BU:
    Fritz Wernath (geb.1899- gest.1964) lebte ab 1946 in Arheilgen. Der Gewerkschafter wurde 1956 für die Arheilger SPD zum Stadtverordneten gewählt, von 1956 bis 1964 war er Stadtverordnetenvorsteher. Er initiierte die Gründung der Baugenossenschaft Arheilgen, die nach dem Krieg mehr als hundert Siedlungshäuser in Arheilgen errichtete. Nach ihm ist die Fritz-Wernath- Siedlung rund um den Stadtweg benannt.
    Bild 4 – Kriegsgefangenen Ausweis – BU:
    (AGV) Im August 1939 kurz vor dem Überfall Nazis-Deutschlands auf Polen wurde unser Chronist Georg Mampel II zum Kriegsdienst eingezogen. Bis 1948 blieb er als Kriegsgefangener in Russland, der UdSSR. Danach beteiligte er sich mit großem demokratischem Engagement an der demokratischen Neuordnung in Arheilgen und Darmstadt.