Widerstand und Verfolgung unterm Hakenkreuz in Arheilgen
Großes Interesse am Stadtteilrundgang und Vortrag im Nachbarschaftstreff „Alte Feuerwehr“
Trotz des sehr nasskalten Wetters nahmen rund 50 Bürgerinnen und Bürger aus Arheilgen und Umgebung am Samstag, dem 31. Januar, am Stadtteilrundgang „Widerstand und Verfolgung unterm Hakenkreuz in Arheilgen“ teil. Am Mittwoch, dem 4.Februar, folgten rund 40 Besucherinnen und Besucher der Einladung des Stadtteilvereins in den Nachbarschaftstreff „Alte Feuerwehr“. In lokalhistorischen Vorträgen schilderten Clara Schulz und Bernhard Schütz von der Darmstädter Geschichtswerkstatt sowie von Mechthild Benz und Jürgen Hein-Benz vom Arheilger Geschichtsverein die Lebenswege politisch Verfolgter Arheilger und versetzten den Zuhörerkreis in die Atmosphäre der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts.
Beim Stadtteilrundgang führten die Veranstalter die Teilnehmenden an Orte in Arheilgen, wo vor den Gefahren des Faschismus gewarnt wurde und Menschen lebten, die von Nationalsozialisten wegen ihrer politischen Überzeugungen verfolgt wurden. „Vordringliches Ziel der Nationalsozialisten in den ersten Wochen und Monaten nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 war es, die Parteien und Organisationen der Arbeiterbewegung zu unterdrücken und die demokratischen Institutionen bis zur kommunalen Ebene auszuhöhlen“, betonte Jürgen Hein-Benz. „Dieser gewaltige und gewalttätige Umbau fand auch in Arheilgen statt“, so Hein-Benz, als er am „Goldnen Löwen“ und im Nachbarschaftstreff jeweils in das Thema einführte.
Der „Rote Funker“ Wilhelm Lutz
Das Gasthaus „Goldner Löwe“ mit Biergarten und Saal war von 1926 bis 1933 im Besitz der Gewerkschaften und Zentrum der politischen Aufklärung der SPD und dem Ortskartell der Arheilger Gewerkschaften. Dort trat auch die Kabarettgruppe „Rote Funker“ auf, die aus Mitgliedern der Sozialistischen Arbeiterjugend entstanden war. An den Hitlerimitator dieser Gruppe, an den Schreiner Wilhelm Lutz, erinnerte Mechthild Benz. Der ortsbekannte junge Mann war im Frühjahr 1933 arbeitslos und wurde nicht vermittelt. Der nationalsozialistische Beigeordnete Arheilgens, Arthur Zeidler, verweigerte ihm die Wohlfahrtsunterstützung, und als Lutz einen Arbeitsdienst als unterbezahlter Landhelfer im Odenwald ablehnte, wurde er im Juni 1933 in das KZ Osthofen verschleppt und dort misshandelt.
Karl Fleck lebte in der Gemeindesiedlung
In Häusern der früheren Gemeindesiedlung, den heute eingezäunten Flachbauten am Ende der Messeler Straße/Rodgaustraße, lebten der Kommunist Karl Fleck und der Anarchosyndikalist Johann Dieter.
Die Arheilger Studentin Clara Schulz hat in einem Projekt der Geschichtswerkstatt den Lebens- und Leidensweg Karl Flecks erforscht. Schon 1903 war er Gründungsmitglied des Arheilger Turn- und Sportvereins und trat 1920 der KPD-Ortsgruppe bei. Als verbeamteter Rangierer bei der Eisenbahn wurde er 1933 entlassen, musste Hausdurchsuchungen ertragen, war im September 1933 ebenfalls im KZ Osthofen, wurde 1937 erneut in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und in einem Strafprozess zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er 1934/35 am Aufbau einer illegalen Zelle der KPD mitgewirkt haben soll.
Das Martyrium des Arheilgers Johann Dieter
Johann Dieter war Mitglied eines internationalen Netzwerkes der Anarchosyndikalisten. Als freiheitsliebender Gewerkschafter der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) lehnte er die staatliche Herrschaft ab und war Anhänger eines Rätesystems. Bernhard Schütz stellte den unbekannten Arheilger Antifaschisten und sein Netzwerk vor. Johann Dieter wurde wegen des „Verdachts der Verbreitung illegaler Schriften“ bereits am 26. Juni 1933 in das Konzentrationslager Osthofen verschleppt. Nach der Entlassung wegen „anarchosyndikalistischer Umtriebe“ wurde er mehrmals erneut verhaftet, misshandelt und in Darmstadt und Butzbach inhaftiert. Im November 1935 verhängte das Oberlandesgericht Darmstadt mehrjährige Zuchthausstrafen gegen elf Anarchosyndikalisten – unter ihnen Johann Dieter. „Am Tag seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Marienschloß, es ist der 15. Juli 1937, holt ihn die Gestapo ab. Es folgen Jahre in den Konzentrationslagern Dachau und Mauthausen, in denen er den Gewaltexzessen der SS, der Zwangsarbeit in Außenlagern und medizinischen Experimenten ausgesetzt ist“, berichtete Bernhard Schütz in eindringlichen Worten. Nach seiner Befreiung am 5. Mai 1945 kehrte Dieter als Invalide in seine Heimat zurück, heiratete und wurde Vater von zwei Töchtern. Er starb im März 1971.
Demokratien können sterben
In beiden Veranstaltungen wurde beschrieben, wie unter den Nationalsozialisten die kommunale Selbstverwaltung und politische Freiheitsrechte in Arheilgen abgebaut wurden, wie Nachbarschaften zerbrachen und wie Menschen anderer politischer Überzeugung gewalttätig verfolgt wurden.
In weiteren Vorträgen, Veröffentlichungen und Rundgängen werden der Geschichtsverein und die Geschichtswerkstatt in Erinnerung rufen, wie Menschen in Arheilgen wegen ihres Glaubens oder ihrer Abstammung, ihrer sexuellen Orientierung oder Nonkonformität unterdrückt und auch ermordet wurden.





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