Der Arheilger Geschichtsverein stellt in dieser Rubrik Menschen vor, die das Leben im Ort am Ruthsenbach prägten, den Alltag in besonderer Weise repräsentierten oder Leistungen erbrachten, die sie über die Ortsgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. In einer kleinen Serie mit vier Folgen berichten wir nun über Käthe Langendorf, ihre Familie, über das Milieu, das sie prägte, vor allem über die Arbeiterwohlfahrt und die Falken:
Käthe Langendorf und die Roten Falken an der Dianaburg
(jhb) Im Arheilger Wald hinter dem Forsthaus Kalkofen steht die Dianaburg. Der Hessische Großherzog Ludwig III. ließ den Biedermeier – Pavillon 1836 errichten. So steht es auf einer Tafel, mit der Hessen-Forst über die Geschichte der Dianaburg informiert.
Ein wesentlicher Abschnitt aus der jüngeren Geschichte der Dianaburg wird auf dieser Informationstafel nicht erwähnt: 1952 begannen junge Arheilgerinnen und Arheilger der Sozialistischen Jugend Deutschlands-Die Falken den damals verwahrlosten Jagdpavillon in Eigenhilfe zu renovieren. Die Dianaburg wurde zum Ort ihrer Gegenwelt. Von 1954 bis Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts trafen sich dort am Waldrand Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus Arheilgen und anderen Ländern Europas zu Pfingst- und Sommerzeltlagern.
Dieses Kapitel in der Geschichte der Dianaburg wurde maßgeblich durch das Engagement einer Arheilger Sozialdemokratin ermöglicht. Sie hieß Katharina Langendorf und wurde zeitlebens Käthe genannt.
Gruppenstunden im Wilhelm Leuschner-Haus
Wenn die Kinder und Jugendlichen der Arheilger Falken mit ihren Helfern nicht auf Fahrt waren, trafen sie sich wöchentlich zur Gruppenstunde. Sie spielten gemeinsam, sie bastelten, sie erklärten sich mit Unterstützung ihrer Helfer die Welt. Die ersten Gruppenstunden fanden im Keller der Carl-Ulrich-Schule (heute: Astrid-Lindgren-Schule) statt, dann im Saal in der Avemarie-Schule in der Hofgasse (heute: Awo-Kindergarten) und ab Oktober 1960 im Falkenheim in der Fuchsstraße.
Der Bau dieses Hauses war wieder der Zielstrebigkeit und Durchsetzungskraft Käthe Langendorfs zu verdanken. Mit größter Beharrlichkeit konnte sie Menschen für ihre sozialen Ziele einspannen. So wurde die Baugrube mit Eigenhilfe der vielen Falkenhelfer und -helferinnen ausgeschachtet. Mit breiter Unterstützung ihres Netzwerkes konnte das Falkenheim errichtet werden. Heute beheimatet es noch immer das Büro des „Rotzfrechen Spielmobils e.V., ein Verein, der von der SJD-Die Falken gegründet wurde.
„Erinnerte Geschichte war ein wichtiges Anliegen“
Der frühere hessische Innenminister, Gewerkschaftsführer und Widerstandskämpfer Wilhelm Leuschner, nach dem das Falkenheim auf Initiative Käthe Langendorfs benannt wurde, war für sie mehr als eine vorbildliche historische Persönlichkeit. Sein politischer Kampf war Teil ihrer Kindheit und Jugend. Sie hat ihn im Löwengarten Anfang der dreißiger Jahre bei politischen Kundgebungen erlebt, sie kannte Freunde von ihm, seine Hinrichtung war für sie ständige Mahnung wachsam gegenüber Faschismus und Gewaltherrschaft zu sein. Martina Völger, die Anfang der 70er Jahre schon mit neun Jahren zu Käthe in die Gruppenstunde ging, berichtet: „So waren Fleischerhaken oder ähnlich aussehende Haken in ihrem Umfeld und bei den Falken strikt verboten, da Wilhelm Leuschner in Berlin-Plötzensee nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20.Juli 1944 an einem Fleischerhaken aufgehängt und hingerichtet worden war.“
Käthe erteilte nicht einfach Verbote, sie erklärte auch Zusammenhänge. Martina Völger erfuhr durch Käthe, dass auch ihr Großvater 1933 von den Nazis im Konzentrationslager Osthofen interniert war. Ihr Opa war Wilhelm Lutz, Käthes Helfer bei den Kinderfreunden. „Erinnerte Geschichte war ihr ein wichtiges Anliegen, das sie allen jungen Menschen bei den Falken vermittelt hat,“ so Martina Völger.
Der Falken-Spielplatz am Alten Wixhäuser Weg
Bei den Arheilger Falken war mittlerweile fast die ganze Familie Langendorf eingespannt: Bis Anfang der 70iger Jahre betreute Käthes Mutter, Anna Katharina Büttner, den Falken-Spielplatz am Alten Wixhäuser Weg, ein Spielort, wo auch kleinere Kinder im Sand buddeln und toben konnten. Ansonsten gab es damals kaum gut ausgestattete Spielplätze.
Gerd Langendorf war Helfer für die Roten Falken, die 10 bis 14jährigen Kinder, die einen eigenen Sprecher wählten. Dieser sprach mit seinem Helfer Gerd das Programm der Gruppenstunden ab. Darin ging es dann auch um Fragen von Krieg und Frieden oder um die Bedeutung einer Demokratie oder wie Schule besser gemacht werden kann. Die Kinder sollten lernen, ihre Interessen zu erkennen und zu vertreten. Schließlich war die omnipräsente Käthe als treibende organisatorische Kraft und analog wirkende „Influencerin“ aktiv: „Man muss den Verantwortlichen auf den Geist gehen. Sonst wird’s nichts“, betonte sie immer wieder.
„Damals gab es in Arheilgen viele Familien, die sich bei den Falken engagierten“, berichtet Martina Völger. Allerdings konnte Käthe mit zunehmendem Alter „nur schwer abgeben und jüngere Menschen selbst Verantwortung übernehmen lassen … In späteren Jahren bin ich an ihrer Dominanz gescheitert und letztendlich zu den Falken nach Darmstadt gewechselt, weil ich mich dort mehr einbringen und mitgestalten konnte“, berichtet Martina Völger weiter.
Bei den Darmstädter Falken traf sie Roland Klapprodt, der mit Käthe Ende der 60er an Zeltlagern in England teilnahm und Anfang der 70er Jahre Arheilgen verlassen hatte. Er hatte mit Gleichaltrigen in Bessungen einen Ortsverband der Kinder- und Jugendorganisation wiedergegründet. Von der Studenten- und Schülerbewegung politisiert, wollten viele Jugendliche ihr eigenes Ding machen – auch bei den Falken, selbstverwaltet ohne die Altvorderen. So schlief die aktive Gruppenarbeit mit Kindern und Jugendlichen im „Leuschner-Haus“ vorerst ein.
Generationenwechsel bei den Arheilger Falken
Erst 1995 wurde bei den Arheilger Falken der Generationenwechsel vollzogen und Käthe Langendorf im Vorsitz abgelöst. Zeltlager fanden da schon lange nicht mehr an der Dianaburg statt. Schon 1982 wurden zwei Holzhütten mit dem gesamten Zeltlagermaterial von Randalierern zerstört. Weiteren Zeltlagern setzte aber auch die Forstverwaltung einen Riegel vor. 1990 schließlich wurde der Pachtvertrag seitens des Forstamtes gekündigt. Helfer der neuen Falkengeneration beseitigten Mitte der 90er Jahre die traurigen Überreste der hölzernen Lagerschuppen, Wasch- und Toilettenanlage an der Dianaburg.
Der Seniorentreff Wilhelm Leuschner
Altersgemäß engagierte sich Käthe Langendorf nun in der Seniorenarbeit. 1982 gründete sie den Seniorentreff Wilhelm-Leuschner. Sie vernetzte ihre Seniorenarbeit mit Seniorentreffs in Darmstädter Partnerstädten in den Niederlanden, in England und Österreich. Sie organisierte Begegnungen der Senioren in Arheilgen und den Partnerstädten. Nach der Wiedervereinigung trafen sich die Senioren aus Arheilgen mit einem Seniorentreff in Weimar. Und weiterhin pflegte sie die Freundschaft mit den ebenfalls älter gewordenen Freundinnen und Freunden des Woodcraft Folks aus Enfield.
Käthe Langendorf wurde für ihr Lebenswerk mehrfach ausgezeichnet. 1979 erhielt sie die Freundschaftsplakette der Stadt Darmstadt, 1984 die Ehrenurkunde für verdiente Bürger, 1996 den Ehrenbrief des Landes Hessen und im März 2001 durfte ihr der damalige Oberbürgermeister Peter Benz, das Bundesverdienstkreuz am Bande überreichen. Käthe Langendorf starb am 20. Juli 2008.
Der Autor erhielt bei der Abfassung dieses Beitrages viel Unterstützung. Er dankt Ilse Lücker, Renate Göttmann, Peter Benz, Martina Völger und Roland Klapprodt, die ihre Erinnerungen mit ihm schriftlich oder mündlich geteilt haben. Gerd Langendorf hatte nach dem Tod seiner Mutter Unterlagen überlassen. Dieter Wenzel hat ein Interview mit Käthe Langendorf zur Verfügung gestellt. Im Archiv des Arheilger Geschichtsvereins und im Archiv zur Geschichte der Arbeiterjugendbewegung fanden sich einige Dokumente. Ein herzliches Dankeschön an Helmut Diedrichs, der die Fotos aufbereitet hat und dem Team der Arheilger Post.






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