(jhb) Der Arheilger Geschichtsverein stellt in dieser Rubrik Menschen vor, die das Leben im Ort am Ruthsenbach prägten, den Alltag in besonderer Weise repräsentierten oder Leistungen erbrachten, die sie über die Ortsgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. Anlässlich des 75jährigen Gründungsjubiläum der Arheilger Kolpingsfamilie stellen wir in dieser Folge die Familie Wurzel vor, die maßgeblich die Geschichte der Kolpingsfamilie geprägt hat. Sie erscheint in zwei Teilen. (Heute: Teil 2/2.)
Wie aus dem Jungmännerverein eine generationenübergreifende Familie wurde
Franz Wurzel hatte bereits vor dem Kriegsdienst das Schreiner-Handwerk bei Meister Mederle in der Schreinerei Wagenknecht erlernt. Nach der Lehre immatrikulierte er sich an der Ingenieurschule Darmstadt. Die Einberufung zur Wehrmacht machte diesen Plan zunichte. Nach seiner Entlassung aus der französischen Kriegsgefangenschaft beendete Paul Wurzel 1949 seine Schlosserlehre bei der Bauschlosserei Ferdinand Büdinger in der Alicestraße in Darmstadt. Er hatte sie schon vor seiner Einberufung zur Wehrmacht begonnen. In seinem gelernten Beruf arbeitete er beim „Büdinger“ bis ihm 1951aufgrund mangelnder Auftragslage gekündigt wurde. Eine neue Anstellung fand Paul bei „Merck“, wo er bis zu seinem Renteneintritt im Jahre 1988 schaffte.
Auch Franz Wurzel arbeitete kurze Zeit bei „Merck“ und wurde nach weiteren Stationen in der beruflichen Laufbahn schließlich Mitarbeiter bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte. Dort eignete er sich das nötige Hintergrundwissen an, um später für viele Jahre ehrenamtlich als „Versicherungsältester“ zahlreichen Arheilgerinnen und Arheilgern hilfreich in Rentenangelegenheiten zur Seite stehen zu können.
Franz Wurzel heiratete 1954 seine Frau Rita, eine geborene Rebel aus Ober-Roden. Sie bekamen vier Kinder. Seine Familie lebte in der Emil-Volz-Straße.
Paul Wurzel gründete mit seiner Ehefrau Martha – eine geborene Trillig – eine Familie, die in der Albrechtstraße lebte. Martha brachte drei Söhne auf die Welt: Der älteste, geboren am 15. Februar 1955, wurde wie sein Onkel auf den Namen Franz getauft und erhielt zur Unterscheidung noch den Zweitnamen Ferdinand. Der zweitälteste Sohn – im Juli 1957 geboren – erhielt den Namen Gerhard, der jüngste im Oktober 1960 geborene Sohn heißt Bertholt. Alle drei setzen das Werk ihres Vaters und Onkels in der Kolpingsfamilie fort.
Krise bei „Kolping“ Ende der 60er Jahre
Unter dem Slogan „Unter den Talaren – Muff aus 1000 Jahren“ rebellierten in der 60er Jahren die Studenten gegen verkrustete Traditionslinien, elitäre Strukturen, fehlende Mitbestimmung und mangelnde Aufarbeitung des deutschen Faschismus an den Universitäten und in der Gesellschaft. Auch die christlichen Kirchen und ihre Traditionen standen in der Kritik und hatten weniger Zulauf. So gab es in der Kolpingsfamilie deutschlandweit Diskussionen über die Öffnung der Organisation für die Mitgliedschaft von Frauen und die Modernisierung des Vereinslebens. In Arheilgen stand die Kolpingsfamilie im April 1967 sogar kurz vor ihrer Auflösung. Nur die Erkrankung des damaligen Präses, Pfarrer Ludwig Berg, die eine Verschiebung der Generalversammlung in den September erzwang, rettete den Bestand der Kolpingsfamilie Arheilgen. Anstelle eines Auflösungsbeschlusses wurden Schritt für Schritt eine Öffnung der inneren Strukturen und eine Hinwendung zu gesellschaftlich diskutierten Fragen eingeleitet. Im Januar 1969 wurde beschlossen, dass auch Frauen in die Kolpingsfamilie aufgenommen werden können. Seit Ende 1968 hatten sich vor allem Franz Wurzel, Richard Reichel und Karl Schön für eine Öffnung eingesetzt. Das erste weibliche Mitglied und die ersten Jugendlichen unter 18 Jahren wurden in Arheilgen im Dezember 1969 aufgenommen. Heute strukturiert sich die Kolpingsfamilie in „Jung-Kolping“, das sind Mitglieder ab dem 14. bis zum 18. Lebensjahr, in die Gruppe „Junge Erwachsene“ und in die Gruppe „Alt-Kolping“ ab 27 Jahre. Die Kolpingsfamilie zählt auch evangelische Christen, konfessionslose und Angehörige anderer Religionsgemeinschaften zu ihren Mitgliedern. Aus dem Jungmännerverein ist eine generationen- und geschlechterübergreifende Familie geworden.
Generationenwechsel von Franz auf Franz Ferdinand
Nachdem der Vorsitz in der Kolpingsfamilie seit Mitte der 60er fast jährlich (siehe Infokasten) wechselte, übernahm Franz Wurzel 1971 noch einmal das Amt. Ende der 70er Jahre wollten dann jüngere Kolpingsöhne für frischen Wind sorgen. 1980 wurde sein Neffe, Franz F. Wurzel, zum Vorsitzenden gewählt und trug diese Verantwortung unterstützt von seinen Brüdern Gerhard und Bertholt sowie weiteren Aktiven bis ins Jahr 2025.
„Ich erhielt über die vielen Jahre immer die Zustimmung und Unterstützung der Mitglieder. Das gab mir immer wieder neue Energie“, erzählt Franz Ferdinand bei einem Treffen im Pfarrhaus. Er ist tief in dem Stadtteilleben Arheilgens „verwurzelt“. Hier besuchte er ab 1961 die Carl-Ulrich-Schule, wie die Astrid-Lindgren-Schule früher hieß. Danach ging es in die „Stadt“ auf die Adelung-Schule, die er mit der Mittleren Reife beendete. 1972 begann er bei der Stadt Darmstadt seine Ausbildung zum städtischen Beamten und im Mai 1978 schloss er sein Studium als Diplom-Verwaltungswirt ab. Schon mit 14 Jahren trat er am Nikolaustag 1969 in die Kolpingsfamilie ein, engagierte sich im Leitungsteam der Kolpingjugend und besuchte Lehrgänge zum Jugendleiter. Seine Frau Angelika, eine geborene Waas, lernte er über die katholische Jugendarbeit kennen. Seine Frau wohnte in Wixhausen. Zusammen haben sie vier Kinder.
Gesellschaftliches Engagement der Kolpingfamilie
Ohne das Engagement in der Katholischen Heilig-Geist-Gemeinde zu vernachlässigen, öffnete sich die Kolpingsfamilie unter der Verantwortung von Franz Wurzel und seinen Leitungsteams noch weiter dem gesellschaftlichen Leben im Stadtteil und der Welt.
Seit Ende der 60er Jahre hatte die Kolpingsfamilie erste ökumenische Kontakte mit der evangelischen Kreuzkirchengemeinde geknüpft. Nun besuchten Arheilger Kolpingmitglieder auch Gotteshäuser nicht-christlicher Religionsgemeinschaften und informierten sich über den Islam und die jüdische Gemeinde in Darmstadt. Mit Vorträgen und Besichtigungen zu gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder historischen Fragen wurde die Bildungsarbeit intensiviert.
Die Kolpingsfamilie arbeitete im Vorstand der Interessengemeinschaft Arheilger Vereine mit und engagierte sich wieder bei der Gestaltung und Durchführung der Oarhelljer Kerb. Von 1988 bis 1995 stellte sie mit Sepp Vilsmaier den Kerwevadder und die Kerweburschen. Bei den politischen Frühschoppen traten u.a. der CDU-Bundestagsabgeordnete und Staatssekretär für Post und Telekommunikation, Gerhard O. Pfeffermann. der SPD Bürgermeister Horst Seffrin oder der SPD-Bundestagsabgeordnete und Oberbürgermeister Günter Metzger auf.
Verbundenheit mit der Kolpingsfamilie Cincinnati
Die Kolpingsfamilie war weiterhin auf Fahrt mit Jugendfreizeiten und Zeltlagerwochenenden, Jahresausflügen nach Gmünden, Köln oder in die weite Welt. Über die Teilnahme an Kolping-Fußballmeisterschaften besteht seit 1980 eine freundschaftliche Verbundenheit mit der Kolpingsfamilie in Cincinnati im US- Bundesstaat Ohio, deren Vorfahren alles Auswanderer aus Deutschland waren und zumindest vor 40 Jahren noch immer deutsch auf ihrem Vereinsgelände sprachen.
Franz Ferdinand Wurzel wurde für sein gesellschaftliches Engagement am 1.April 1998 mit der Ehrenurkunde für verdiente Bürger der Stadt Darmstadt und am 10.April mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen geehrt.
Infokasten: Adolf Kolping und das Kolpingwerk
Adolph Kolping (1813-1865) war ein katholischer Priester, der in bescheidenen Verhältnissen im Rheinland aufgewachsen war und zuerst das Schuhmacherhandwerk erlernt hatte. Auf der damals für Handwerksgesellen üblichen Wanderschaft von Werkstätte zu Werkstätte lernte er die menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Gesellen kennen. Durch finanzielle Unterstützung einer Gutsbesitzerfamilie konnte er Theologie studieren und lernte als geweihter Priester in Wuppertal einen katholischen Gesellenverein kennen, der seinen Mitgliedern soziale Hilfen, Bildung, Geselligkeit und religiösen Halt gab. Als Domvikar in Köln gründete er mit Handwerksgesellen den Kölner Gesellenverein. Vom Rheinland ausgehend entstanden dann in vielen anderen Städten katholische Gesellenvereine und Gesellenhäuser, die als Herbergen, Krankenstation und zur Bildungsarbeit genutzt wurden. Als Kolping 1865 starb, gab es bereits einen Zusammenschluss von 418 Gesellenvereinen mit 24.000 Mitgliedern. Dies war die Keimzelle des heutigen internationalen Kolpingwerkes. Das Kolpingwerk ist Teil der katholischen Sozialbewegung. Ein Studienfreund Kolpings, der spätere Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Kettler soll nach Wikipedia die Gesellenvereine als „einen katholischen Beitrag zur Lösung der Arbeiterfrage“ bezeichnet haben. Adolph Kolping wurde von Papst Johannes Paul II 1991 seliggesprochen.
Infokasten: Vorsitzende der Arheilger Kolpingfamilie:
Die Kolpingsfamilie in Arheilgen besteht seit 1951. In den 75 Jahren ihres Bestehens stand 66 Jahre lang „ein Wurzel“ an ihrer Spitze:
1951 Franz Wurzel
1957 Paul Wurzel
1964 Ludwig Bernerth
1965 Petzer Stanko
1966 Jakob Wolf
1969 Richard Reichel
1971 Franz Wurzel
1979 Winfried Straube
1980 Franz. F. Wurzel
2025 Sebastian Titz




Schreibe einen Kommentar