(jhb) Der Arheilger Geschichtsverein stellt in dieser Rubrik Menschen vor, die das Leben im Ort am Ruthsenbach prägten, den Alltag in besonderer Weise repräsentierten oder Leistungen erbrachten, die sie über die Ortsgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. Anlässlich des 75jährigen Gründungsjubiläum der Arheilger Kolpingsfamilie stellen wir in dieser Folge die Familie Wurzel vor, die maßgeblich die Geschichte der Kolpingsfamilie geprägt hat. Sie erscheint in zwei Teilen. Heute: Teil1/2.(jhb) Der Arheilger Geschichtsverein stellt in dieser Rubrik Menschen vor, die das Leben im Ort am Ruthsenbach prägten, den Alltag in besonderer Weise repräsentierten oder Leistungen erbrachten, die sie über die Ortsgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. Anlässlich des 75jährigen Gründungsjubiläum der Arheilger Kolpingsfamilie stellen wir in dieser Folge die Familie Wurzel vor, die maßgeblich die Geschichte der Kolpingsfamilie geprägt hat. Sie erscheint in zwei Teilen. Heute: Teil1/2.
Die Herkunft der Familie Wurzel und die Anfänge der Kolpingsfamilie
(jhb) Es war ein Sonntag, der 14. April 1951, als sich die Brüder Franz und Paul Wurzel mit 13 katholischen jungen Männern zu einer Besprechung trafen: Sie wollten die Gründung einer Kolpingsfamilie in Arheilgen endgültig auf den Weg bringen. In der Versammlung unterstützten 11 Gleichgesinnte und ihr Pfarrer Nikolaus Kopp das Anliegen. Pfarrer Kopp wirkte bereits seit Mai 1924 in der neu gegründeten katholischen Heilig-Geist-Gemeinde.
Ob sich die Gruppe junger Männer nach der Sonntags-Messe im katholischen Pfarrhaus traf, das 1925 an der Zöllerstraße gebaut und 1926 mit einer angeschlossen Kapelle geweiht worden war? Daran kann sich Franz F. Wurzel, der älteste Sohn von Paul Wurzel, heute nicht mehr erinnern. Dafür berichtet er, was alles für die Gründung einer Kolpingsfamilie und den dazugehörenden Festakt zu organisieren war: Das Gründungsfest musste geplant werden. Wie in der Kolpingsfamilie üblich wurde noch eine Patengemeinde gesucht, die für den neuen Spross der Kolpings auch das Banner stiften sollte. Schließlich sollten noch Kolpingsöhne geworben werden – damals war Kolping nämlich noch eine reine Männersache.
Der Festakt zur Gründung wurde auf Sonntag, den 16. September 1951, gelegt. Nach dem Festgottesdienst führte ein großer Bannerzug von der Zöllerstraße bis zum Gasthaus „Zum Goldnen Löwen“. Am Beginn des Zuges trug Paul Wurzel stolz das neue Arheilger Kolpingbanner. Es war ein Geschenk der Patengemeinde Dieburg und ist noch heute im Besitz der Arheilger Kolpingsfamilie. Die Festansprache im „Löwen“ hielt der H.H. Geistliche Rat Weissbäcker (H.H.= Ehrentitel „Hochwürdiger Herr“) vor insgesamt 250 Kolpingsöhnen, die aus 14 Kolpingsfamilien angereist waren. Der Gesangsverein Sängerlust umrahmte mit seinen Liedern die Feierstunde, wie in einer Jubiläumsschrift der Heilig-Geist Gemeinde und der Jubiläumszeitung zum 50. Geburtstag der Kolpingfamilie nachgelesen werden kann.
Bis zum Festakt war der kleine Kreis der Initiatoren auf vierzig Gründungsmitglieder angewachsen. Zum Vorsitzenden das Arheilger Kolpingsfamilie wurde Franz Wurzel gewählt, der erste geistliche Leiter – Präses – wurde der Gemeindepfarrer Nikolaus Kopp.
Familiäre Wurzeln in Wald-Michelbach
Die katholische Familie Wurzel stammt ursprünglich aus Wald-Michelbach, das zurzeit der Reformation kurpfälzisch war und damit katholisch blieb. Die Wurzels zogen nach dem ersten Weltkrieg am Anfang der 20er Jahre nach Arheilgen. Im „Mühlgrund“ an der „Balserpump“ fanden Sie Ihre erste Unterkunft.
Franz Wurzel wurde am 5. Februar 1925 im Bahnwärterhaus am „Leißer“ geboren und wuchs dort auf. Im Arheilger Sprachgebrauch wurde das Häuschen nach dem ersten Bahnwärter Heinrich Leißer benannt und lag am Bahnübergang in Verlängerung der Ettester Straße im Feld westlich der Bahnlinie. Der Vater war zunächst Bahnwärter und später Stellwerksmeister an der Rhein-Neckar-Bahn am Arheilger Bahnhof.
Am 13.März 1928 kam Paul Wurzel, der zweite Sohn, auf die Welt. Am „Leißer“ wurde es nun zu eng und die Familie zog ins eigene Heim in die Jahn-Straße 16, die nach der Eingemeindung Arheilgens in Albrechtstraße umbenannt wurde. Am 30.Juli 1931 gesellte sich die Schwester Maria dazu und vervollständigte die Familie.
Die meisten Jahre ihrer Kindheit und Jugend verbrachten Franz und Paul Wurzel in Arheilgen unter dem „Hakenkreuz“. Da Paul als Messdiener wirkte, gab es wiederholt Reibereien mit der örtlichen Hitler-Jugend. Die katholische Jugend nutzte das Pfarrhaus und die dazu gehörige Kapelle in der Zöllerstrasse als einen wichtigen Treffpunkt. Es wurde während der Zeit des Nationalsozialismus mehrmals von der Gestapo durchsucht und Pfarrer Kopp wegen seiner Arbeit mit dem katholischen Jungmännerverband unter Druck gesetzt und verhört.
Während des 2. Weltkrieges wurden die Brüder beide früh in die Wehrmacht eingezogen. Franz kam im Alter von 18 Jahren an die Front in Frankreich und Paul musste mit gerade mal 16 Jahren noch in den letzten Kriegstagen in Deutschland Kriegsdienst leisten. Beide kamen in französische Kriegsgefangenschaft. Nach einem missglückten ersten Fluchtversuch aus der Gefangenschaft gelang Franz 1947 erneut die Flucht aus der Zitadelle des ostfranzösischem Kriegsgefangenlagers in Besancon. Die abenteuerliche Flucht brachte ihn über die Schweiz endgültig zurück nach Arheilgen, wo er sich zuerst auf dem Speicher versteckt halten musste, um nicht wie beim ersten Fluchtversuch in die Gefahr zu geraten, entdeckt und in das Gefangenenlager zurücktransportiert zu werden. Paul kehrte erst 1949 als Spätheimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft in Südfrankreich nach Arheilgen zurück.
Gemeinschaft, Gläubigkeit und Gottvertrauen
Franz Wurzel trat schon im April 1948 der Kolpingsfamilie Darmstadt bei, nach seiner Rückkehr folgte ihm sein Bruder Paul. Dort fanden die jungen Männer, was sie nach den Kriegserfahrungen suchten: Gläubigkeit und Gottvertrauen, familiäre Gemeinschaft und Lebensfreude, sozial- und gesellschaftspolitisches Engagement für christliche Werte.
Die Kolpingsfamilien stehen in der Tradition katholischer Gesellenvereine für ledige, wandernde Handwerker, die Mitte des 19. Jahrhunderts durch Adolf Kolping begründet wurde (siehe Infokasten in Teil 2). In den Nachkriegsjahren standen die gemeinsame Freizeitgestaltung junger Männer, eine wertegeleitete Bildungsarbeit und das Engagement in den Gemeinden im Mittelpunkt der Arbeit. Obwohl sich die Gesellenvereine schon seit 1935 in Kolpingsfamilien umbenannt hatten, weil sie so einer Gleichschaltung unter den Nationalsozialisten entgehen wollten, war es noch ein etwas längerer Weg bis die ganze Familie, also Frauen, Kinder und ältere Menschen bei Kolping ein Zuhause fanden. In der Arheilger Kolpingsfamilie gestaltete die Familie Wurzel diesen Weg.
Kolping-Programm der ersten Jahre
Das Programm der ersten Jahre setzte sich aus geselligen Zusammenkünften, Bildungsarbeit und Jahresausflügen zusammen. Der erste Ausflug führte die Arheilger in den Odenwald. Mit dem Bus – damals hatte kaum ein Kolpingsohn ein Auto – fuhren sie im Juni 1952 nach Erbach und wurden am Abend von der Kolpingsfamilie in Heppenheim empfangen. Andere Ausflugsziele waren die Kolpingsfamilien in Dieburg oder Neu-Isenburg oder das Geburtshaus von Adolph Kolping im rheinischen Kerpen. Mit der Zeit nahmen auch die Frauen und Kinder der Kolpingsöhne an den Ausflügen teil, so dass die Fahrten zu echten Familienausflügen wurden.
Die Kolpingfamilie in der Arheilger Fastnacht
Bereits Ende 1951 gründete sich eine Schauspielgruppe und eine Kolpingkapelle, die schon im Februar 1952 einen ersten großen Auftritt bei der ersten Fastnachtsitzung der Arheilger Kolpingsfamilie im „Goldnen Löwen“ hatte. Unter der Leitung des Sitzungspräsidenten Hannes Werkmann und des Elferrates gestalteten Kolpingsöhne das Programm. Als Büttenredner traten u.a. Paul Wurzel, Gerhard Hartmann und Karl Schmitt auf, der unter dem Namen „Schmitts Karrer“ als Alleinunterhalter und Entertainer auch in Darmstadt und Umgebung bekannt war.
Karl Schmitt trug eine schwere Verantwortung aus der Nazi-Zeit mit sich: Er gehörte zum Wachpersonal des Konzentrationslagers Dachau, dem Lager, in dem auch einige Arheilger Antifaschisten gequält worden waren. Als Buße baute der gelernte Stahlbieger Karl Schmitt eine Marien- Grotte im Garten der Heilig-Geist-Pfarrei. Karl Schmitt war auch im Gesangsverein Sängerlust aktiv. Von 1977 bis 1982 war er der Arheilger Kerwevadder. Politisch engagierte er sich in der örtlichen CDU. Für sein gesellschaftliches Engagement erhielt er den Landesehrenbrief.
Bis Mitte der 50er Jahre lud die Kolpingsfamilie jährlich in der Fastnachtszeit zu der Fremdensitzung, also zu einer Veranstaltung für den ganzen Stadtteil, in den „Goldnen Löwen“ ein. Nachdem der Löwensaal als Möbellager benutzt wurde und nicht mehr zur Verfügung stand, veranstaltete „Kolping“ alljährlich im Pfarrhaus einen „Kostümball mit Einlagen“ und ab 1978 bis 2015 hieß es wieder „Helau“ auf den Fremdensitzungen – nun im Saal des Weißen Schwans oder im Sportzentrum der Sportgemeinschaft Arheilgen. Damit hat die Kolpingfamilie entscheidend die Fastnachtstradition in Arheilgen geprägt.
Infokasten:
Die katholische Kirchengemeinde in Arheilgen
Seit der Einführung der Reformation durch die hessischen Landgrafen war Arheilgen konfessionell jahrhundertelang eine evangelische Gemeinde. Jüdisches Leben ist seit dem frühen 17.Jahrhundert belegt gewesen und wurde durch die Nationalsozialisten ausgelöscht. Die konfessionelle Zusammensetzung zwischen den christlichen Konfessionen veränderte sich mit der beginnenden Industrialisierung und dem Bau der Eisenbahnen. Sie lösten in den deutschen Ländern eine Binnenwanderung aus. In Arheilgen siedelte sich fast zeitgleich mit der Entstehung der Rhein-Neckar-Bahn um 1850 eine kleine Gruppe katholischer Christen an. Die Arheilger Katholiken wurden zunächst von katholischen Pfarreien in Darmstadt betreut. Der erste Gottesdienst in Arheilgen wurde 1912 im Schulsaal der Avemarie-Schule in der Hofgasse (heute: Standort des AWO-Kindergartens) gefeiert. Pfarrer Nikolaus Kopp wurde am 1.Mai 1924 als erster katholischer Pfarrer für den neugegründeten „Seelsorgebezirk Arheilgen“ ernannt. Dieser Bezirk umfasste auch Wixhausen, Erzhausen und Gräfenhausen. Seit Einweihung des Pfarrhauses mit angeschlossener Kapelle in der Zöllerstraße im Juli 1926 trägt die Gemeinde den Namen „Heilig-Geist“. Der Bau der heutigen Heilig-Geist Kirche begann erst nach der Gründung der Arheilger Kolpingsfamilie 1953 und wurde von ihr stark unterstützt. Die Kirche wurde am 3. Oktober 1954 geweiht.
1946 zählte die Heilig-Geist Gemeinde gut 2000 Katholiken, die in Arheilgen und Wixhausen lebten. Nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft wuchs die Gemeinde durch Flucht und Vertreibung vor allem aus Schlesien und dem Sudentenland weiter an.





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