Der Arheilger Geschichtsverein stellt in dieser Rubrik Menschen vor, die das Leben im Ort am Ruthsenbach prägten, den Alltag in besonderer Weise repräsentierten oder Leistungen erbrachten, die sie über die Ortsgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. In einer kleinen Serie mit vier Folgen berichten wir nun über Käthe Langendorf, ihre Familie, über das Milieu, das sie prägte, vor allem über die Arbeiterwohlfahrt und die Falken:
Käthe Langendorf und die Roten Falken an der Dianaburg
(jhb) Im Arheilger Wald hinter dem Forsthaus Kalkofen steht die Dianaburg. Der Hessische Großherzog Ludwig III. ließ den Biedermeier – Pavillon 1836 errichten. So steht es auf einer Tafel, mit der Hessen-Forst über die Geschichte der Dianaburg informiert.
Ein wesentlicher Abschnitt aus der jüngeren Geschichte der Dianaburg wird auf dieser Informationstafel nicht erwähnt:
1952 begannen junge Arheilgerinnen und Arheilger der Sozialistischen Jugend Deutschlands-Die Falken den damals verwahrlosten Jagdpavillon in Eigenhilfe zu renovieren. Die Dianaburg wurde zum Ort ihrer Gegenwelt. Von 1954 bis Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts trafen sich dort am Waldrand Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus Arheilgen und anderen Ländern Europas zu Pfingst- und Sommerzeltlagern.
Dieses Kapitel in der Geschichte der Dianaburg wurde maßgeblich durch das Engagement einer Arheilger Sozialdemokratin ermöglicht. Sie hieß Katharina Langendorf und wurde zeitlebens Käthe genannt.
Als „Schmalhans“ Küchenmeister war
Seit 1926 besuchte Käthe Langendorf die Arheilger Volksschule, die sie 1934 mit 14 Jahren abschloss. In den letzten Jahren ihrer Schulzeit stiegen auch in Arheilgen die Zahlen der Arbeitslosen und gemeindlichen Wohlfahrtsempfänger stetig. In vielen Familien wurde „Schmalhans“ zum Küchenmeister. Die Arbeiterwohlfahrt verteilte Brotlaibe. Wahrscheinlich war Käthe mit ihrer Mutter mittendrin unter den Verteilenden.
An den „Stempeltagen“, den Tagen, an denen die Arbeitslosen- und Wohlfahrtsunterstützung ausgezahlt wurden, bildeten sich immer mehr Diskussionsgruppen rund um das Arheilger Rathaus in der Dieburger Straße, heute Messeler Straße. Die politische Lage auf Reichsebene wurde immer instabiler. Immer weniger Menschen bekannten sich zur Weimarer Republik. Dies wirkte sich auch auf das mehrheitlich sozialdemokratisch geprägte Arheilgen aus: Die KPD erhielt Zulauf. Kleine sozialistische Parteien und linke Gruppierungen verteilten in Arheilgen ihre Flugblätter. Wahlkampfveranstaltungen wurden von Schutzverbänden bewacht. Reichsbanner und Eiserne Front bei den Sozialdemokraten, der Rotfrontkämpferbund bei der KPD.
Auf der extremen Rechten entstand auch in Arheilgen die Ortsgruppe der NSDAP. Erste SA-Leute – die SA war die paramilitärische Kampforganisation der Nazis – rekrutierten sich Anfang der 30er Jahre aus der evangelischen Jugend, wie der Arheilger Pfarrer Grein enttäuscht hinterlassen hat.
Politisch motivierte Überfälle und Schlägereien bestimmten an vielen Tagen die Schlagzeilen der überregionalen Presse. Politisch aufgewühlte Erwachsene, Arbeitslosigkeit und Angst vor Armut gehörten zum Alltag der Kinder und Jugendlichen der Roten Falken. In der Gruppenstunde wurde den Nöten mit Geselligkeit und Solidarität entgegengewirkt. Käthe war davon so begeistert, dass sie unter dem Titel „Mein Wochenende“ einen Schulaufsatz über die Erlebnisse bei den Falken schrieb – wie ihr Sohn in einem Lebenslauf über seine Mutter berichtet hat. Vielleicht schrieb sie den Aufsatz über ein Treffen der Falkengruppen aus Südhessen, das Anfang der 30er Jahre in Griesheim stattfand: Im blauen Hemd gekleidet zogen alle Falkengruppen mit roten Wimpeln an dem Treffpunkt ein, nur die Arheilger nicht. Ihr Gruppenhelfer Georg Mampel hatte einen blauen Wimpel genäht. Diese Anekdote erzählte Käthe später gern in den Falkengruppen, die sie selber leitete.
Käthes Schulaufsatz fand allerdings nicht das Gefallen ihres Arheilger Lehrers. „So etwas gehört in den ‚Volksfreund’ (Sozialdemokratische Zeitung, Anm. d. Verf.) aber nicht in dein Schulheft,“ kanzelte der Lehrer sie vor der ganzen Klasse ab. Mit Billigung dieses Lehrers verprügelte ein Mitschüler – er gehörte zu den frühen Mitgliedern der Arheilger Hitlerjugend – das Mädchen unter Einsatz des Schulterriemens eines Ranzens, so die Erzählungen in der Familie Langendorf.
Faschismus und zweiter Weltkrieg
In Arheilgen stand der Sozialdemokrat Jakob Jung seit 1919 unangefochten als Bürgermeister an der Spitze der unabhängigen Gemeinde Arheilgen. Der Gemeinderat war nach jeder Wahl fest in sozialdemokratischer Hand.
Am 22. Januar 1933 gab es die erste größere Demonstration der Nazis in Arheilgen.Bis zum Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verhinderte der dörfliche Charakter Arheilgens zwar schlimmere Ausschreitungen,wie Philipp Benz, ein aktiver Kommunist und nach dem Krieg Vorsitzender der Sportgemeinschaft Arheilgen (SGA), in seinen Erinnerungen hinterlassen hat. Doch gab es auch hier Schlägereien und Misshandlungen. Philipp Benz gehörte ab Februar 1933 zu den Misshandelten und wurde von September bis Dezember 1933 im Konzentrationslager (KZ) Osthofen interniert.
Selbst bei den schon nicht mehr demokratisch korrekten Reichstagswahlen am 5. März 1933 – die KPD war schon verboten – konnte die NSDAP in Arheilgen keine politische Mehrheit gewinnen. Die SPD blieb stärkste politische Kraft. Ab dem 6.März 1933 rissen die Nazis aber auch hier die Macht Stück für Stück an sich. Dabei stützten sie sich auf formelle Verordnungen der nationalsozialistischen Reichs- und Landesregierung und den Terror der zur Hilfspolizei ernannten SA. Der Arheilger Gemeinderat wurde mit Parteigängern der NSDAP besetzt Bürgermeister Jakob Jung am 4. April abgesetzt. Zum Nachfolger ernannt wurde der örtliche NSDAP-Vorsitzende Julius Birkenstock.
In Darmstadt waren die Kinderfreunde seit dem 23. Mai verboten. Ab wann das formelle Verbot in Arheilgen galt, ist nicht bekannt. Ab dem 22. Juni 1933 wurde die SPD in ganz Deutschland in die Illegalität gedrängt. Mit ihr verschwanden alle sozialistischen Vereine aus dem gesellschaftlichen Leben. Erhalten blieben in Arheilgen kleinere sozialdemokratische Netzwerke über die miteinander verwandten und befreundeten Familien. Einige Sozialdemokraten und Gewerkschafter mussten sich zum Teil täglich bei der Polizei melden, wurden eingeschüchtert, mit Hausdurchsuchungen und Verhören terrorisiert oder beim kleinsten Anlass in ein KZ verschleppt.
1934 ging die 14jährige Käthe vergeblich auf Lehrstellensuche. Aus einem roten Haushalt kommend, fand sie keinen Ausbildungsplatz. Sie musste als Kartonage-Arbeiterin „Schaffen gehen“. Auf den Rat ihrer Mutter – „Kind, als Arbeiterin muss du doch organisiert sein“ – wurde sie Mitglied in der Deutschen Arbeitsfront (DAF), dem Einheitsverband der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, den die Nationalsozialisten nach dem 2. Mai 1933 anstelle der Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände gegründet hatten. Mit dieser Organisation suggerierten die Nazis die Illusion einer friedlichen Volksgemeinschaft.
Auch Georg Mampel, der nach seiner Ausbildung zum Buchhalter keine neue Anstellung fand, stand auf der Schwarzen Liste der Arbeitsvermittlung. Er machte sich zwischenzeitlich mit einem Schokoladengeschäft selbstständig. Dem Kinderfreunde-Helfer Wilhelm Lutz, er war vor 1933 als Hitler-Imitator im Arheilger Kabarett „Rote Funker“ aktiv, verweigerten die Nationalsozialisten auf der Bürgermeisterei die Wohlfahrtunterstützung. Weil er sich als gelernter Schreiner nicht ausbildungsfremd in die Landwirtschaft im Odenwald deportieren ließ, wurde er wochenlang im KZ Osthofen bei Worms weggesperrt.
Kurz nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges im November 1939 heiratete Käthe Büttner den vier Jahre älteren, in Erzhausen geborenen Buchdrucker Georg Langendorf. Am 28. Mai 1941 kam der gemeinsame Sohn Gerd auf eine Welt, die in Flammen stand. Der Krieg zersprengte auch die kleine Familie: Georg fiel im Juni 1942 in Sewastopol. Wie ihre Mutter musste sich Käthe alleinerziehend um ihr Kind kümmern und den Alltag bewältigen.
1941 heulten in Arheilgen knapp fünfzig Mal die Sirenen.1944 warnten sie schon über 560 Mal vor Fliegerangriffen. Am 12.Dezember 1944 entging Arheilgen einer Katastrophe: Bei einem Fliegerangriff auf Merck wurden die Produktionsanlagen von über 200 Sprengbomben getroffen. In der Oberen Mühlstraße zerstörten Bomben drei Häuser, ebenso Gebäude in der Maulbeerallee. Auf den Feldern im Süden und Süd-Osten Arheilgens entstanden zahlreiche Bombenkrater. Insgesamt kam der nördliche Darmstädter Stadtteil, Arheilgen war seit 1937 eingemeindet, noch glimpflich davon: Im Krieg wurden 19 Häuser zerstört, 27 schwer beschädigt, rund 200 erhielten mittlere oder leichte Schäden.
In der Nacht vom 22. auf den 23. März überquerten amerikanische Truppen bei Nierstein/Oppenheim den Rhein. Am 25. März rückten die amerikanischen Truppen – von der Täubcheshöhle kommend – in Arheilgen ein. Dank des Einschreitens mutiger Arheilgerinnen und Arheilger kam es im Ort zu keinen Kampfhandlungen. Die letzten Soldaten zogen ab. Die Nazis hatten schon längst das Feld geräumt. Hitler-Bilder und Büsten waren in den Pfuhl-Gruben versenkt.
Liegekuren am Arheilger Mühlchen
Die Mangelwirtschaft der letzten Kriegsjahre setzte sich auch unter den Besatzungsmächten fort. Die Zwangsarbeiter- und -arbeiterinnen wurden heimgeführt, viele der zur Wehrmacht eingezogenen deutschen Männer waren tot oder in Kriegsgefangenschaft. Vor allem die Frauen und die Alten räumten den Schutt weg. Sie mussten für den Lebensunterhalt sorgen. Besatzungstruppen und ausgebombte Darmstädter wurden auf den knappen Wohnraum verteilt. Bei 10.250 Einwohnern fehlten in Arheilgen rund 800 Wohnungen. Heizmaterial war Mangelware. Von den Lebensmittelrationen, die auf Karten bezogen werden konnten, wurden die Menschen nicht satt. Besser erging es den Arheilgern, wenn sie wenigstens einen „Goarde“ hatten. Viele Arheilger Kinder litten unter Lungenkrankheiten und Unterernährung.
Deshalb organisierte auf Initiative des Arheilger Bezirksverwalters Jakob Wolf die wiedergegründete Arbeiterwohlfahrt, unterstützt von den amerikanischen Besatzungssoldaten und Lebensmittelsendungen der Quäker, ab 1946 am Arheilger Mühlchen sogenannte Liegekuren. Die Helferinnen, darunter wieder Kätha Wesp, Frau Waldmann und auch Käthe Langendorf, gingen im Sommer morgens mit 20 bis 30 Kindern vom Ortskern zum Mühlchen. Dort wurde gemeinsam gefrühstückt. Sie lasen den Kindern vor. Die kleinen Körper wurden mit Bewegungsspielen und Gymnastik trainiert. Sie durften kräftig zu Mittag essen und dann hieß es: „Auf die rechte Seite, Augen zu, wir halten jetzt die Mittagsruh.“ An den Spruch erinnert sich Renate Göttmann, eine geborene Heib, heute noch. Sie nahm 1948 an dieser Kur mit ihren Freundinnen teil. Das Essen sollte anschlagen, für die Mittagsruh standen Feldbetten bereit. Verständlicherweise waren die Kinder von der verordneten Ruhe nicht so sehr begeistert. Hätten sie nach dem guten Essen doch lieber auf den Wiesen getobt oder am Wasser gespielt.
(Fortsetzung folgt)






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