Der Arheilger Geschichtsverein stellt in dieser Rubrik Menschen vor, die das Leben im Ort am Ruthsenbach prägten, den Alltag in besonderer Weise repräsentierten oder Leistungen erbrachten, die sie über die Ortsgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. In einer kleinen Serie mit vier Folgen berichten wir nun über Käthe Langendorf, ihre Familie, über das Milieu, das sie prägte, vor allem über die Arbeiterwohlfahrt und die Falken:
Käthe Langendorf und die Roten Falken an der Dianaburg
(jhb) Im Arheilger Wald hinter dem Forsthaus Kalkofen steht die Dianaburg. Der Hessische Großherzog Ludwig III. ließ den Biedermeier – Pavillon 1836 errichten. So steht es auf einer Tafel, mit der Hessen-Forst über die Geschichte der Dianaburg informiert. Der Pavillon erinnert an das Rokoko-Schlösschen an diesem Standort, das Landgraf Ludwig VIII. bereits 1765 seinem Sohn, dem späteren Soldatenlandgrafen Ludwig IX. zum Geburtstagsgeschenk gemacht hatte. Dieses soll 7000 Gulden gekostet haben. Eine sehr hohe Summe für die damalige Zeit.
Ein wesentlicher Abschnitt aus der jüngeren Geschichte der Dianaburg wird auf dieser Informationstafel nicht erwähnt. Er steht im krassen Gegensatz zu der feudal- verschwenderischen Vergangenheit der Landgrafen, der Großherzöge und ihren Jagdgesellschaften. Auf der Tafel nicht genannt wird das Kapitel, das die sogenannten kleinen Leute schrieben.
1952 begannen junge Arheilgerinnen und Arheilger der Sozialistischen Jugend Deutschlands-Die Falken den damals verwahrlosten Jagdpavillon in Eigenhilfe zu renovieren. 15 stramme Radminuten von ihrem Gruppenraum in der ehemaligen Avemarie-Schule im Zentrum Arheilgens (heute: AWO-Kindergarten in der Hofgasse) entfernt, gestalteten sie ihn in Eigenhilfe zu einem Treffpunkt für Kinder und Jugendliche um. Den Raum im Ortskern nutzten sie seit 1949, doch mussten sie diesen mit den erwachsenen Genossinnen und Genossen der Arheilger SPD teilen. Die Dianaburg wurde ganz zum Ort ihrer Gegenwelt. Von 1954 bis Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts trafen sich dort am Waldrand Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus Arheilgen und aus anderen Ländern Europas zu Pfingst- und Sommerzeltlagern. Bereits im ersten Zeltlager 1954 – wenige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg – verbrachten hier Kinder und Jugendliche der englischen Organisation Woodcraft Folk ihre Sommerferien gemeinsam mit den Arheilger „Falken“. Statt „Piff und Paff“, statt Pomp und Prunk der Adelswelt standen die Zeltlager an der Dianaburg im Zeichen von Frieden, Freundschaft und internationaler Solidarität.
Dieses Kapitel in der Geschichte der Dianaburg wurde maßgeblich durch das Engagement einer Arheilger Sozialdemokratin ermöglicht: Sie hieß Katharina Langendorf, zeitlebens Käthe genannt. Sie lebte viele Jahre in ihrem Häuschen in der Falkenstraße und verstarb am 20. Juli 2008 im Alter von 88 Jahren.
Eine Kindheit in der Arheilger Arbeiterbewegung
Käthe Langendorf wurde am 6. Juni 1920 in Arheilgen geboren. Ihr Mädchenname war Büttner. Bereits eineinhalb Jahre nach der Heirat ging die Ehe ihrer Eltern, Gottfried und Anna Katharina Büttner, auseinander und so verbrachte Käthe ihre ersten Lebensjahre in der Familie der alleinerziehenden Mutter im 1. Stockwerk über der Gaststätte „Schneiders Bierhalle“ in der Kleinen Felchesgasse 24. Heute ist dies die Georg-Spengler-Straße 24.
Käthes Mutter Anna Katharina war eine geborene Schneider. Sie war das siebte Kind von Johannes und Regina Katharina Schneider und kam am 8. März im Jahre 1899 auf die Welt. Ihr Vater, Johannes Schneider – in der Familienchronik war es Johannes der III., geboren am 15.12. 1853 in Arheilgen – war erster Maschinist im Gaswerk in Darmstadt, betrieb nebenbei Landwirtschaft und hatte die Gaststätte eröffnet. Seit den 1920er Jahren wurde sie auch „Zum blauen Eck“ genannt. Anna Katharinas Bruder Heinrich war etliche Jahre älter als sie. Er hatte Zimmermann gelernt und dann die Gaststätte übernommen. Sein Name findet sich schon in einer Mitgliederliste des Arheilger Arbeiterwahlvereins aus dem Jahr 1900. Obwohl das Bismarck‘sche Sozialistengesetz, unter dem alle sozialdemokratischen Organisationen verboten waren, schon seit 1890 aufgehoben war, firmierten die Arheilger Sozialdemokraten noch bis 1903 unter dem Namen Arbeiterwahlverein. Unter ihren Mitgliedern gab es viele Eisenbahnarbeiter. Diese waren Staatsbeamte und als Beamte war ihnen damals die Mitgliedschaft in der SPD verboten.
In „Schneiders Bierhalle“ trafen sich die Genossen zu ihren Versammlungen oder einfach zum „Schwätzche“ beim Bier oder Apfelwein. Hier lagen sozialdemokratische Zeitungen wie der Hessische Volksfreund aus. Käthes Onkel Heinrich wurde schon im November 1919 in der ersten demokratischen Kommunalwahl nach Gründung der Weimarer Republik zu einem Gemeinderat der SPD im eigenständigen Arheilgen gewählt. Bis zum Ende der Weimarer Republik blieb er in der Arheilger Kommunalpolitik aktiv. Sein Sohn, ebenfalls ein Heinrich mit SPD-Parteibuch, wurde 1960 Bezirksverwalter in Arheilgen.
Nach dem Tod des Großvaters zog Anna Katharina mit ihrer Tochter Käthe in eine eigene Wohnung in der Darmstädter Gass, erzählte Käthe in einem Gespräch im Sommer 2000. Die alleinerziehende Mutter verdiente den Lebensunterhalt in einem Labor der Firma Merck, ab 1933 arbeitete sie dort als Schneiderin. Nach der Befreiung vom Faschismus wurde sie von den Beschäftigten der Firma zur Betriebsrätin gewählt.
Gründung der Kinderfreunde
Wie in den sozialdemokratisch geprägten Familien der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts üblich, wurde Käthe schon als Kind in den Organisationen der Arbeiterbewegung sozialisiert. Ab dem Alter von vier Jahren turnte sie im Arheilger Arbeiter-Turn- und Sportverein. Ihre Mutter war in der Ortsgruppe der Arbeiterwohlfahrt aktiv, die sich seit 1925 um die Verbesserung der Lebenssituation der Arbeiterfamilien kümmerte. Ende der zwanziger Jahre organisierte die AWO-Arheilgen für die Kinder arbeitsloser Eltern 14-tägige Ferienfreizeiten im Naturfreundehaus „Rimdidim“ im Odenwald. Käthe begleitete ihre Mutter auf diesen Freizeiten. Aus dem Kreis der teilnehmenden Kinder entstand 1931 auch in Arheilgen eine Ortsgruppe der „Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde“, deren Kindergruppen als die „Roten Falken“ bekannt wurden. Berichte und Erzählungen von Käthe und ihrem Sohn Gerd legen nahe, dass Käthe und ihre Mutter schon vorher Kontakt zu den Darmstädter Kinderfreunden hatten und individuell als Mitglieder der Kinderfreunde eingetragen waren.
Käthes Mutter, Anna Katharina Büttner, und Kätha Wesp (später: Kätha Merz) gehörten zum Helferkreis der schnell wachsenden Ortsgruppe der Arheilger Kinderfreunde, die ihre Kindergruppen ebenfalls „Falken“ nannten. Aus dem sozialistischen Jugendverband, der SAJ, beteiligten sich Wilhelm Lutz und Jakob Hahn an der Gruppenarbeit. Der spätere Chronist der Arheilger SPD, Georg Mampel (1912 – 1992), leitete die Ortsgruppe und organisierte sogar Elternabende der Kinderfreunde. Dies war „damals ein Novum“ – wie er in einem historischen Rückblick betonte. „Geplante Vorhaben, Erziehungsprobleme und andere interessierte Fragen“ wurden gemeinsam mit den Eltern besprochen.
In den Gruppennachmittagen der Falken spielte Käthe mit anderen Kindern. Sie sangen erste Arbeiterlieder, lernten auf Wanderungen die Natur und die sozialen Probleme in der Gemeinde kennen. Lichtbildervorträge brachten ihnen Menschen aus fernen Ländern näher und im Puppentheater verprügelte der Arbeiterjunge Kasper nicht Krokodil und Teufel, sondern legte sich mit schlagenden Lehrern, Kapitalisten und Kriegstreibern an.
Infokasten:
Erziehung für eine Zukunft, die nicht kam.
In den Augen vieler Sozialdemokraten war die Weimarer Republik eine kapitalistische Klassengesellschaft. Die parlamentarische Republik hielten sie aber für ein notwendiges Durchgangsstadium. Sie werde sich in einem quasi naturnotwendigen Demokratisierungsprozess von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft zu einer sozialistischen Gesellschaft entwickeln – so die Theorie. Die Arbeiterkinder sollten für diese nahe Zukunft vorbereitet werden.
Für diese Aufgabe gründeten am 13. November 1923 Vertreter und Vertreterinnen der Arbeiterwohlfahrt, des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB), der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) und der SPD die „Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde“. In nicht einmal zehn Jahren wuchs die Arbeitsgemeinschaft zu einer Massenorganisation von 130.000 Kindern, 10.000 Helferinnen und Helfern und 60.000 Eltern verteilt auf Ortsgruppen in ganz Deutschland. „Geistiger Mentor und organisatorischer Motor der Kinderfreundebewegung in Deutschland“ war der heute fast in Vergessenheit geratene sozialdemokratische Erziehungstheoretiker, Bildungspolitiker und Reichstagsabgeordnete Kurt Löwenstein, wie der langjährige Leiter des Archivs zur Geschichte der Arbeiterjugendbewegung, Dr. Heinrich Eppe schrieb. 1924 auf der 1. Reichskonferenz der Kinderfreunde in Leipzig erklärte Löwenstein: „Der Mensch der alten Abhängigkeiten fällt, und der Mensch der neuen Bindungen entsteht“. Die Kinder sollten zu „Trägern der werdenden Gesellschaft“ erzogen werden. Die gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen, die Erziehung zu Demokratie und Selbstverantwortung, zu Völkerverständigung, zu Frieden und internationaler Solidarität kennzeichnete die Arbeit der Kinderfreunde.
Ab 1926 wurde der „Rote Falke“ zu ihrem Symbol, mit dem Gruß „Freundschaft“ begrüßten sie sich im blauen Hemd mit rotem Halstuch in ihren wöchentlichen Gruppenstunden oder auf der Feier des 1.Mais. Mit roten Wimpeln gingen sie auf Fahrt. Besondere Bedeutung erhielten die Kinderrepubliken, große Zeltlager, die die Kinderfreunde ab 1927 jährlich im Sommer organisierten. Diese Zeltlager waren Lern- und Übungsfeld für die „neue Zeit“, die mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten schon 1933 ein gewaltsames Ende fand. In der Tradition der Kinderfreunde und der SAJ steht nach der Befreiung vom Faschismus die Sozialistische Jugend Deutschlands- Die Falken.
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(Fortsetzung folgt)






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